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Unterm Regenbogen

archaeomare taucht im Umfeld von Sassnitz

Ein Regenbogen hat nicht nur eine ästhetische Seite durch seine Form und sein Farbenspiel, sondern auch eine mythische Dimension. Er gilt als Symbol für Harmonie, Ganzheitlichkeit, Naturschutz oder als Zeichen der Verbindung zwischen Himmel und Erde. Er erschien über der Mole im Sassnitzer Hafen just am ersten Tag unserer Vereinskampagne, nachdem es zuvor kräftig geregnet hatte. Es sollte sich als ein gutes Omen für den erfolgreichen und harmonischen Verlauf der Tauchaktionen erweisen, trotz teils widriger Wetterbedingungen. Denn auch wenn der Regen vorbei war, so blieb es sehr windig bei 4-5bft. 

Brückentage sind immer eine gute Möglichkeit, um im Vereinsleben Akzente zu setzen. An dem langen Himmelfahrtswochenende im Mai bot sich eine solche Gelegenheit zum gemeinsamen Tauchen. Der für Vereinsmitglieder geplante Ausflug war gut vorbereitet und wurde entsprechend auch gut genutzt. Wir hatten uns aus dem gegebenem Anlass vorgenommen, das Wrack des finnischen Dampfers HELEN vor Sassnitz zu betauchen. Einen ersten Eindruck vermittelt folgendes Video.



HELEN - ein Schiffsunglück jährt sich im August zum 80. Mal

Das mit Eisenerz beladene Schiff ist vor 80 Jahren am 13. August 1942 nordöstlich von Sassnitz am Kollikerort auf eine Seemine gelaufen und innerhalb weniger Minuten auf den Grund in 23 Meter Tiefe gesunken. Die HELEN befand sich auf der Fahrt von Luleå in Nordschweden nach Stettin. Die Royal Air Force hatte „Minen-Gärten“ vor der Küste Rügens ausgebracht, um die Schifffahrtslinien vor der deutschen Küste zu bekämpfen. Ein Ziel war es, zu verhindern, dass Schiffe den Sassnitzer Hafen gefahrlos ansteuern konnten. Von der 20-köpfigen Schiffsbesatzung überlebten das Unglück nur zehn Seemänner – zehn Seemänner riss der Untergang in den Tod.

Versuch eines kurzen historischen Überblicks zu den finnisch-russischen Beziehungen und das deutsch-finnische Verhältnis im 2. Weltkrieg:

Die Geschichte Finnlands verlief keineswegs geradlinig. Im 19. Jahrhundert hatte die Region den Status eines Großfürstentums im Russischen Zarenreiches inne. Nach der Februarrevolution und der Abdankung des russischen Kaisers Nikolaus II. sah sich das finnische Parlament nicht mehr an die Personalunion mit Russland gebunden. Es versuchte mehr Autonomie zu erhalten, welche ihm die provisorische russische Regierung jedoch verwehrte. Im November 1917 erklärten die in der Oktoberrevolution siegreichen Bolschewisten ein generelles Recht aller Völker des Zarenreichs zur Selbstbestimmung. Infolgedessen ...

... verkündete das finnische Parlament, es werde die volle Souveränität übernehmen und erklärte seine Unabhängigkeit aber gegen die Stimmen der Sozialdemokraten. Es entstand der von der  russisch Bolschewistischen Regierung unabhängige finnische Staat in den Grenzen des Russischen Großfürstentums. Aber das Land spaltete sich in ein Bürgerliches und ein Sozialistisches Lager. Diese Situation führte zu einem Bürgerkrieg.

Weil schon seit dem 19. Jahrhundert Teile der finnischen Nationalbewegung auch über die Schaffung eines Großfinnlands nachgedacht haben, zu dem auch die von Ostkareliern und anderen von den Finnen als stammverwandt angesehenen Völkern besiedelten Gebiete gehören würden. 

Nach Erlangung und Sicherung der Unabhängigkeit unternahmen in den Jahren 1918 bis 1920 einige meist von Freiwilligen gebildete, aber vom offiziellen Finnland teils geduldete, teils unterstützte militärische Expeditionen mehrere Kriegszüge in die ostkarelischen Gebiete und nach Petschenga. Die zahlenmäßig schwachen Truppen scheiterten letztlich, unter anderem daran, dass die örtliche Bevölkerung sich nicht in dem erhofften Maße für einen Anschluss an Finnland begeistern ließ.

Daraus entstanden Feindseligkeiten zwischen Finnland und Sowjetrussland. Sie wurden im Oktober 1920 durch den Frieden von Dorpat beendet. Russland erkannte Finnland in den Grenzen des alten Großfürstentums an. Zusätzlich erhielt Finnland das Gebiet Petschenga und damit den Zugang zum Nördlichen Eismeer. Der Frieden mit dem Ostnachbarn stabilisierte gleichzeitig die internationale Position Finnlands, das noch im gleichen Jahr in den Völkerbund aufgenommen wurde.

1932 wurde ein Nichtangriffspakt zwischen Finnland und der Sowjetunion geschlossen.

1939 versicherte sich Stalin im Hitler Stalin Pakt in einem Geheimen Zusatzprotokoll auch seine Ansprüche an finnische Gebiete.

Im Herbst 1939 hatte die Sowjetunion Finnland mit Gebietsforderungen in der Karelischen Landenge konfrontiert und sie mit unabdingbaren Sicherheitsinteressen für die Stadt Leningrad begründet. Nachdem Finnland die Forderungen abgelehnt hatte, griff die Rote Armee am 30. November 1939 das Nachbarland an.

Am 13. März 1940 beendeten die Parteien den Krieg mit dem Friedensvertrag von Moskau. Finnland konnte seine Unabhängigkeit wahren, musste aber erhebliche territoriale Zugeständnisse machen, insbesondere große Teile Kareliens abtreten.

 

Am 22. Juni 1941 begann der Überfall der Deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion. Der Krieg zwischen Finnland und der Sowjetunion wurde fortgesezt. Dabei gelang es Finnland an der Seite des Deutschen Reichs anfangs, die im Winterkrieg an die Sowjetunion verlorenen Gebiete zurückzuerobern.

 

Quellen: wikipedia  https://de.wikipedia.org/wiki/Winterkrieg  https://de.wikipedia.org/wiki/Fortsetzungskrieg

Diese Fakten der geschichtlichen (politischen) Entwicklung in Nord-Ost Europa zeigen, wie komplex, kompliziert, verwoben und widersprüchlich (um nicht zu sagen wie verlogen) die Beziehungen von Nachbarländern sein können. Parallelen zur Gegenwart, zum Krieg in der Ukraine, sind mehr als augenfällig und zeigen, wie problematisch es ist, ohne Hintergrundwissen, eine aufgeklärte, von Humanismus geleitete Haltung dazu einzunehmen oder sich zu erarbeiten. 

Seit 1939 stürzte Deutschland Europa in den verheerendsten Krieg aller Zeiten und brachte mit dieser Aggression unsägliches Leid und Zwang über die Völker. Für die Durchsetzung der Deutschen Kriegsziele wird die Rohstofffrage und der Rohstofftransport kriegswichtig. Finnland, seit Ende 1940 ein enger Bündnispartner, unterstützte Deutschland mit Rohstofflieferungen über seine Handelsflotte. So entsteht im Ostseeraum eine besondere Situation für die Handelsschifffahrt. Dazu folgendes Zitat:

„Der Handelsverkehr Deutschlands mit den skandinavischen Ländern erhielt während des 2. Weltkrieges eine außerordentlich große Bedeutung für die deutsche Kriegswirtschaft. Dänemark, Norwegen, Finnland und Schweden wurden während der Kriegsjahre (1940–1945) gegen ihren Willen in großem Umfang in die sogenannte Großraumwirtschaft einbezogen.“  

Quelle: Stralsunder Hefte für Geschichte, Kultur und Alltag, (2021) Septemberausgabe Seiten 10-19 

Die Matrosen des mit Eisenerz beladenen Frachters HELEN wurden sozusagen auch für die deutschen Kriegsinteressen „einbezogen“ und zivile Opfer dieses mörderischen Krieges. 

Deshalb ist ein Erinnern an den Untergang der HELEN vor nunmehr 80 Jahren immer ein Gedenken auch an die zivilen Opfer von Krieg und Gewalt - umso wichtiger und aktueller denn je. 

Wir wollen als Verein mit der weiteren Dokumentation der Wrackstelle und Aufarbeitung der Geschichte der HELEN einen Beitrag zur Erinnerungskultur in unserem Land und in der Küstenregion leisten. 

Für dieses Wrack und seine Geschichte interessierte sich besonders unser finnisches Tauchfreund Jarkko Rastas aus Turku. Er stieg mit zum Wrack ab und filmte den kompletten Tauchgang. Im folgenden Interview erklärt er seine Motivation und beschreibt seine Eindrücke.

Gespräch mit Jarkko Rastas

Lieber Jarrko, wie bist Du auf das Wrack der HELEN gekommen - hast Du etwas in einem Archiv oder in einer Zeitschrift gelesen oder von Freunden davon gehört?

Mein guter Freund TH Norling - er ist Marinemaler - erzählte mir die Geschichte von einem Schiff namens S/S HELEN, das vor einer Stadt namens Sassnitz gesunken ist. Einer seiner Verwandten gehörte zur Besatzung und hat den Untergang damals überlebt. Ich habe auch ein interessantes Buch von ihm bekommen, das die Geschichte von dem Schiff, seiner Besatzung und dem Untergang erzählt.

 

Mit welchen Erwartungen bist Du nach Sassnitz gekommen und was hast Du bei dem Tauchgang gesehen? 

Die Erwartungen waren hoch, denn die Geschichte des Schiffes war und ist für mich als gebürtiger Finne wirklich interessant. Das Wetter spielte beim ersten Anlauf nicht mit und wir mussten den Tauchgang verschieben. Trotz der Erwartungen war der Tauchgang etwas enttäuschend. Von dem Schiff war so wenig übrig, dass es schwierig war, es überhaupt zu identifizieren. Nach meiner Meinung wurde der Großteil des Wracks irgendwann als Alteisen geborgen. Natürlich sind weitere Tauchgänge erforderlich, um detailliertere Recherchen durchzuführen. Während des Tauchgangs sah ich einen Teil der Schiffsseite, wo ein paar runde Fenster zu sehen waren. Der Rumpf wölbt sich an der Stelle, an der das Schiff gebrochen ist. Hinter der Bordwand war allerdings wenig zu erkennen. 


Ist das Wrack für Dich ein Boden-Denkmal, das geschützt werden muss? 

Weitere Tauchgänge sind erforderlich, um die HELEN besser zu dokumentieren, aber im Moment scheint es so, dass nichts mehr zu schützen ist, da der größte Teil des Schiffes wohl ab geborgen wurde. Am Boden befindet sich ein bemerkenswertes Objekt, an dem alle Teile des Schiffes und auch das geladene Eisenerz identifiziert werden können. Ich habe in Finnland gute Erfahrungen mit einem Schiff gleicher Größe gemacht, das auch mit Eisenerz beladen war.

 

Ist das Wrack und die Geschichte seines Unterganges für Dich nur ein Gedenkort an die zu Tode gekommenen Seemänner? Oder hat er auch eine politisch-historische Bedeutung zum Verständnis des Unrechts während des Zweiten Weltkrieges?

Das Wrack und seine Geschichte werden immer ein Denkmal für die verstorbenen Seeleute sein und sollten mit allem Respekt vor diesen Menschen erkundet werden. Leider war dies vor uns nicht der Fall. Das Wrack und seine interessante Geschichte sind ein Teil des Verständnisses der Schrecken des Krieges, und leider werden wir gerade Zeuge ähnlicher Ereignisse in der Ukraine.

 

Interessiert Dich marine Geschichte und gibt es da für Dich besondere Schwerpunkte?

Ich interessiere mich sehr für Schiffsgeschichte, insbesondere im Ostseeraum. Besonders interessant sind Schiffswracks aus verschiedenen Jahrhunderten. Ich habe eine sogenannte Schiffswrackliste ab 1856. Wir suchen und identifizieren aktiv Wracks in Finnland. Als Suchausrüstung haben wir einige Boote mit Schrägsonar, um das Suchen und Auffinden zu erleichtern.


(Das Gespräch wurde bearbeitet)

Ergänzende und detailliertere Informationen zum Untergang der Helen sind in einer Publikation des Autors Peter Danker-Carstensen unter dem Titel „Der Verlust des finnischen Frachters HELEN vor Rügen im August 1942 – ein Überlebender berichtet“ erschienen und hier nachzulesen. 

Quelle: Stralsunder Hefte für Geschichte, Kultur und Alltag, (2021) Septemberausgabe Seiten 10-19 

Bilder von den Vorbereitungen und den Ausfahrten auf See

Bilder vom Wrack des Dampfschiffes HELEN am Kollikerort